Erfolgreiche Arbeitsvermittlung steht im Fokus

Wassim Houssein Ali, Inhaber des Salon Style Coiffeur am Hagenmarkt, frisiert mit seiner aus dem Irak stammenden neuen Mitarbeiterin Ashna Azad die AWO-Migrationsberaterin Chantal Ihle (Mitte). Foto: AWO/Karsten Mentasti

Braunschweig. „Tausend Mal Danke!“ sagt Ashna Azad immer wieder, wenn die Kurdin aus dem Irak ihre Migrationsberaterin Chantal Ihle von der Arbeiterwohlfahrt (AWO) trifft. Ashna Azad strahlt bis über beide Ohren, denn seit einiger Zeit hat die gelernte Friseurin in ihrer neuen Heimat Braunschweig wieder eine Arbeit – in einem Friseursalon.


Vermittelt hat das eine der beiden Einrichtungen der Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer (MBE), die es in Braunschweig gibt. Eine ist beim Caritasverband angesiedelt, die andere beim AWO-Bezirksverband. Insgesamt sechs Mitarbeiter in beiden Beratungsstellen besetzen rechnerisch vier Vollzeitstellen, einer der Mitarbeiterin bei der AWO ist Azads Beraterin Chantal Ihle.

Ashna Azad ist vor drei Jahren als Asylbewerberin in Braunschweig angekommen. Neben dem Erlernen der deutschen Sprache und dem Praktizieren derselben gibt es noch ein weiteres entscheidendes Kriterium für Migranten, um sich hier auch zu integrieren: „Es ist ein wunderbares Gefühl, wieder arbeiten zu können“, betont Azad.


„Längst ist es eine unserer Hauptaufgaben geworden, zugewanderte Menschen bei der Suche nach einer Arbeitsstelle zu unterstützen“, erläutert Mauricio López Alzate, Migrationsberater bei der Caritas in Braunschweig.


Und das klappt dank der umfangreichen Netzwerkarbeit der beiden Beratungsstellen von AWO und Caritas immer besser – nicht zuletzt, weil die Migrationsberater auch bei den Firmen für Aufklärung sorgen und als Anwalt ihrer Klienten Hindernisse beseitigen. Beispielsweise informieren sie, dass Migranten in vielen nicht-reglementierten Berufen keine formelle Anerkennung Ihres Abschlusses benötigen, um in Deutschland in ihrem Beruf arbeiten zu dürfen. Das gilt zum Beispiel in handwerklichen Berufen, im Einzelhandel oder für Informatiker. „Oft bauen sich die potenziellen Arbeitgeber selber Hürden auf“, weiß MBE-Einrichtungsleiter Martin Stützer von der AWO. „Viele richten ihren Blick nur darauf, was ein aus dem Ausland stammender Bewerber nicht kann und nicht darauf, wie er dem Betrieb oft sogar unmittelbar helfen kann.“

 

Der Ansatz der Migrationsberatungsstellen für erwachsene Zuwanderer setze den Fokus indes auf die Begabungen der Migranten. „Die Kompetenzen unserer Klienten zu erkennen, ist eine der Stärken unserer Dienstleistung“ betont Stützer.


Er verweist ausdrücklich auch auf die partnerschaftlich funktionierenden Kooperationen mit kommunalen Einrichtungen, Bildungseinrichtungen und Gesundheitsdiensten sowie den Vertretern des Bundesamts für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in Braunschweig – und zunehmend auch mit potenziellen Arbeitgebern.
Die Klienten der Migrationsberatung MBE haben in der Regel bereits ein Bleiberecht, das Angebot der Beratungsstellen gilt ausdrücklich auch für Spätaussiedler und für EU-Bürger aus anderen Ländern, bei denen zwar der Aufenthaltsstatus langfristig geklärt und von Anfang an unstrittig ist, die sich aber in Deutschland deswegen nicht automatisch heimisch fühlen. „Vielen fehlen soziale Kontakte und Freunde, oder aber einfach eine Aufgabe und Anerkennung, wie es viele am Arbeitsplatz erfahren“, betont Caritas-Einrichtungsleiter Mauricio López Alzate.


Sein Schützling Marisa Tellez kam vor fünf Jahren mit ihrem Mann aus Spanien nach Braunschweig, „doch es hat ewig lange gedauert, bis ich hier richtig angekommen bin und mich als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft gefühlt habe“, berichtet sie. In diesen Tagen fängt Tellez, vermittelt durch die Migrationsberatung der Caritas, bei der Volkshochschule Braunschweig als Spanisch-Lehrerin an – ein entscheidender Schritt zu ihrer Integration. Dass Marisa Tellez den Weg in die Caritas-Migrationsberatung gefunden hat, bezeichnet sie heute als „Geschenk des Lebens“.


Ashna Azad steht durch ihre Anstellung im Friseursalon Style Coiffeur von Wassim Houssein Ali am Hagenmarkt plötzlich auch wieder mitten im Leben. Ihr Chef ist selber Kurde aus Syrien, kam vor 20 Jahren nach Deutschland und kennt alle Schwierigkeiten, die man als ehemaliger Asylbewerber haben kann. „Die Erfahrungen, die ich nach meiner Ankunft gemacht habe, haben mir richtig weh getan“, erzählt er. Mit seinem Salon hat er sich im Jahr 2006 selbständig gemacht – und freut sich, jetzt Ashna Azad eine Perspektive bieten zu können: „Das ist meine Art zu helfen.“


Dass seine neue Angestellte ihr Handwerk versteht, hat Friseur Wassim schnell erkannt: „Sie ist hochbegabt und macht ihren Job mit dem Herzen, so wie ich“, ist er voll des Lobes. Mit Ashna Azad spricht er nur Deutsch, zumal beide als Heimatsprache unterschiedliche kurdische Dialekte haben. So lernt die Migrantin nach und nach auch die deutschen Fachbegriffe im Friseursalon besser zu sprechen, die sie in keinem Sprachkursus erlernt hat.


Die Beispiele von der Kurdin Ashna Azad, als Schutzsuchende aus dem Irak eingereist und nun im Besitz einer Aufenthaltserlaubnis, und Marisa Tellez, EU-Bürgerin aus Spanien, zeigen, dass Schwierigkeiten, sich zu integrieren, trotz ganz unterschiedlicher Voraussetzungen oft ganz ähnlich sind. Das Portfolio der Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer ist aber breit gefächert. Es reicht von der Auskunft zu Deutschkursen über Hinweise, wie deutsche Behörden funktionieren, bis zu Themen wie Rechten und Pflichten der Migranten, Wohnungssuche, Bildungsfragen und Gesundheitssorge. Oft betrifft das Beratungsportfolio auch die Familienangehörigen oder die Frage, wie Migranten in Deutschland auch außerhalb ihres klassischen Kulturkreises Freunde finden können.


Bundesweit gibt es mittlerweile rund 1300 solche MBE-Beratungsstellen für Zuwanderer ab einem Alter von 27 Jahren. Die Zahl der Einrichtungen hat in den vergangenen Jahren nochmals stark zugenommen, genauso wie die Zahl der beratenen Personen. Das Bundesministerium des Inneren, für Bau und Heimat (BMI) berichtet von 590.000 MBE-Beratungen im Jahr 2018 gegenüber noch 402.000 Personen im Jahr 2016. Verbände wie AWO und Caritas sowie in anderen Kommunen auch andere Vertreter der Freien Wohlfahrtspflege sind vor Ort Träger der Migrationsberatung für erwachsene Zuwanderer. Das Angebot wird seit 2005 vom BMI gefördert.