Mentalisieren baut Brücken zwischen den Menschen

Prof. Dr. Peter Fonagy (links) und Prof. Dr. Eia Asen (sitzend) hielten Vorträge über Mentalisieren, Dr. Theresa Schwaiger übersetzte aus dem Englischen.

Von links: Martin Albinus (Fachbereichsleiter Stadt Braunschweig), Nils Borkowski (Leiter AWO-Jugend- & Erziehungshilfen), Rifat Fersahoglu-Weber (AWO-Vorstandsvorsitzender), Dr. Theresa Schwaiger, Prof. Dr. Peter Fonagy und Prof. Dr. Eia Asen (alle Anna Freud National Cente for Children and Families London)

Braunschweig. „Wir haben heute die Champions League zu Gast“, so stellte AWO-Vorstandsvorsitzender die beiden Professoren des Londoner Anna Freud National Centre for Children and Families, Peter Fonagy und Eia Asen, in der Braunschweiger Welfenakademie den 200 Gästen vor. Die beiden Referenten waren auf Einladung der AWO-Jugend- & Erziehungshilfen nach Braunschweig gekommen, um auf einem Fachtag „Mental Health“ Vorträge über die Methode „Mentalisieren“ zu halten. „Dieser Fachtag richtet sich an die vielen regionalen Akteure der pychosozialen und pädagogischen Hilfeerbringer und versteht sich als Anstoß und Einladung, die Anregungen der Referenten aus London aufzunehmen und regional gemeinsam mit der AWO weiterzuführen.“, erläuterte Fersahoglu-Weber.

 

In den Arbeitsfeldern Jugendhilfe und Schule ist das Mißverständnis, beziehungsweise das Nicht-Verstehen, die Regel und das beabsichtigte Verständnis die Ausnahme.

 

Die Theorie des „Mentalisierens“, wie sie von Peter Fonagy erforscht und als Handlungskonzept entwickelt wurde, lässt sich verstehen als das Verständnis innerer Zustände sowohl der eigenen als auch anderer Personen. Die mentalisierungsbasierte Arbeit thematisiert das innere Erleben und schafft Zugänge für Veränderungen zum Besseren. Bei der mentalen Gesundheit geht es jedoch nicht um die Abwesenheit von schlechten Gefühlen oder Gedanken, sondern um einen verständnisvollen, souveränen Umgang mit ihnen und das Gefühl, ihnen nicht ausgeliefert zu sein.

 

Martin Albinus, Fachbereichsleiter Kinder, Jugend und Familie der Stadt Braunschweig, nennt Mentalisieren „eine Methode, um mit Kindern und Jugendlichen in den Dialog zu treten, ihre Erlebniswelten zu verstehen und zu erfahren: Was bewegt sie?“

 

Peter Fonagy beschreibt Mentalisieren unter anderem als eine Balance aus Achtsamkeit, die immer auf die eigene Person gerichtet ist, und Empathie für andere. Mentalisieren beginne gleich nach der Geburt durch Widerspiegeln der Gefühle des Neugeborenen und entwickele sich mit der primären Bindungsperson. „Mentalisieren ist eine einzigartige menschliche Fähigkeit, sie beinhaltet beispielsweise Neugier und soziale Interaktion, wovon unser Leben abhängig ist. Würde ein Kind im Wald aufwachsen, würde es diese Fähigkeit nicht entwickeln.“

 

Nachdem Peter Fonagy die Grundlagen des Mentalisierens umrissen hatte, stellte Eia Asen Praxisbeispiele unter anderem aus der Multifamlienarbeit vor. Abschließend referierte Peter Fonagy über Mentalisieren in Systemen.

 

 

Prof. Dr. Peter Fonagy ist Psychoanalytiker und Leiter des Anna Freud National Centre for Children and Families in London (https://www.annafreud.org). Er zählt zu den Urhebern des Konzeptes des Mentalisierens und entwickelte daraus die mentalisierungsbasierte Psychotherapie. Er ist Autor zahlreicher Grundlagenwerke und trägt seither in vielen Bereichen wesentlich zur Verknüpfung und Weiterentwicklung der Potentiale des Ansatzes bei.

 

Prof. Dr. med. Eia Asen, Facharzt für Psychiatrie und Systemischer Therapeut, gilt als Wegbereiter der Multifamilienarbeit, die er als systemische Methode am Marlborough Family Service in London entwickelt hat und die seither weite Verbreitung in klinischen und pädagogischen Kontexten erfahren hat. Sein Anliegen ist die praxisrelevante Umsetzung einer mentalisierungsorientierten systemischen Therapie.

 

Dr. Theresa Schwaiger, klinische Psychologin am Anna Freud National Centre for Children and Families in London, übersetzte die in Englisch gehalten Vorträge von Peter Fonagy.