Förderzentrum Lotte Lemke

"Wir gehen unseren Weg!"

Abschlussfahrt eines Wanderprojektes

 

Vielen herzlichen Dank an Mitglieder, Mitarbeiterinnen und Vorstand von „Mehr Aktion für Kinder und Jugend“, der Richard-Borek-Stiftung und "Sachen für unterwegs" (SFU). Mit Hilfe großzügiger Spenden und Unterstützung konnten wir die Abschlussfahrt unseres Wanderprojektes umsetzen.

Intention

Die Intention des Wanderprojektes lag zunächst darin, den Schulabgängern der Lotte-Lemke-Schule, Förderzentrum für emotionale und soziale Entwicklung, eine Abschlussfahrt zu ermöglichen. In dieser sollten sie unmittelbare, positive Erfahrungen sammeln können, die von ihnen die Anwendung spezifischer Kompetenzen wie Durchhaltevermögen, Kooperation und prosoziales Verhalten verlangen. Es sollte auf diese Weise eine Brücke zwischen Schulabschluss und Einstieg in das Berufsleben geschlagen werden.

 

Das Motto: „Wir gehen unseren Weg“ signalisiert, dass die Jugendlichen innerhalb des Wanderprojektes gemeinsam, aber aus eigener Kraft ihren Weg - durch Höhen und Tiefen - gehen und sich dadurch als kompetent und selbstwirksam erleben können.

Gruppenfoto mit dem Schulhund vor einer Mauer

Das Wandern des Meraner Höhenweges symbolisiert durch seine Auf- und Abstiege die Anstrengungen, die es kostet, trotz Schmerzen, Enttäuschungen und Ängsten weiterzugehen. Die Schüler lernen, auf sich selbst und ihren Körper zu vertrauen, konstruktive Entscheidungen zu treffen und stolz auf sich selbst zu sein, da sich all ihre Bemühungen gelohnt und zum Ziel geführt haben.

 

Die Teilnahme am Projekt beruhte auf dem Prinzip der Freiwilligkeit. Das Wanderprojekt war den Schülern und Schülerinnen vorgestellt worden. Leider waren die meisten Abschlussschüler für die Teilnahme nicht zu begeistern, so dass das Motto „Wir gehen unseren Weg“ mit der Teilnahme jüngerer Schüler (Mittelstufe) und im Zusammenhang mit einem neuen Ziel stehen sollte. Das Ziel der teilnehmenden Schüler ist ein möglicher Schulwechsel weg von der Förderschule hin zu einer Regelschule (Hauptschule).

Die Gruppe bei einer Pause

Das Motto „Wir gehen unseren Weg“ bezog sich nun vielmehr auf die Chancen und Möglichkeiten, die die jungen Schüler durch die Teilnahme am Projekt erhielten, wie zum Beispiel mutig etwas Neues auszuprobieren, zehn Tage weit weg von Zuhause zu sein, ein anderes Land, fremde Menschen und eine unbekannte Landschaft kennenzulernen. Es umfasst die Möglichkeit, sich in einer Gruppe erleben und behaupten zu können.

Die außergewöhnliche Erfahrung, zehn Tage mit einer altersheterogenen Gruppe (10 bis 15 Jahre) gemeinsam zu leben, das heißt gemeinsam zu essen, zu schlafen, zu wandern und zu spielen, eröffnet vielfältige Erfahrungs- und Lernfelder. Der veränderte Erfahrungskontext in der Berglandschaft soll das Ausprobieren veränderter Verhaltensweisen wie beispielsweise prosoziale Verhaltensweisen, Kooperation, Empathiefähigkeit oder Perspektivübernahme begünstigen.

Die Gruppe in der Hütte

Das Erlebnis, unter großen Anstrengungen, verursacht durch das Gepäck, das sie (er-)tragen, die nächste Hütte als Gruppe zu erreichen und Emotionen beim Erreichen des Ziels, wie Erleichterung und Freude zu spüren, soll die Anwendung und den Aufbau spezifischer sozialer Fertigkeiten fördern.

Abfahrt / Ankunft

Zwei Männer und ein Junge wandern

Am Montag, 31. Mai 2010, traten wir unsere Reise um 9 Uhr morgens vom Braunschweiger Hauptbahnhof mit einem Bulli und einem PKW in das ca. 900 km entfernte Südtiroler Schnalstal an. Leider konnte ein Schüler aufgrund einer Bänderdehnung, verursacht durch ein Fußballspiel am Vortag, nicht mitfahren. Ein Weiterer ist in der Woche zuvor strafauffällig geworden und musste das Projekt verlassen.

Wir fuhren den Katharinaberg auf 1245 Höhenmeter hinauf, um gegen 22 Uhr unseren Ausgangspunkt, den Untervernatschhof (1500 m) zu erreichen. Am ersten Abend ging es nach dem gemeinsamen Abendessen bald zu Bett, um am nächsten Tag die Wanderung des Meraner Höhenweges ausgeruht zu beginnen.

Wandertour

Pause an einer Infotafel

Der Meraner Höhenweg ist mit der Nr. 24 und mit einem Zeichen aus weißroten Strichen markiert, an denen wir uns mit Hilfe von Wanderkarten sehr gut orientieren konnten. Wir gingen vom Untervernatschof zum Patleidhof, dann zum Giggelberg, von dort über die Tablander Alm zum Hochganghaus, den höchsten Punkt unserer Wanderung mit 1849 m.

Es ging dann weiter zum Talbauer Gasthof und schließlich über den Gasthof Longfall zu unserer letzten Hütte auf der Wanderung Gasthof Walde, bevor wir orientiert an dem Weg Nr. 24a über Obersthöfe nach Brunner den Abstieg über den Wanderweg Nr.5 nach Aicher nahmen, um von dort aus bequem mit dem VW-Bus wieder zur Ausgangshütte Untervernatschhof zurückzukehren.

Von dort aus gestalteten wir die letzten drei Tage unter anderem mit einem Stadtausflug nach Meran, Schwimmengehen im Montiggler See, einer Schlossbesichtigung Juval (Reinhold Messner) in Naturns und einem an- beziehungsweise abschließenden Felsklettertag, um die Wandertour gebührend ausklingen zu lassen.

Am Abschlussabend zeigte sich, dass alle Jugendlichen und Lehrer/-innen diese Fahrt schön und lohnenswert fanden. Zufrieden ging es am elften Tag auf die lange Reise nach Braunschweig zurück.

Struktur und Rituale

Genau wie das gemeinsame Abendessen gehörte ab jetzt auch das gemeinsame Frühstück zu den strukturierenden Ritualen während der Wanderung. Die Erfahrung des gemeinsamen Essens mit all seinen sozialen Regeln, die es zu Tisch zu beachten gilt, war von nun an fester Bestandteil des Wanderprojektes.

Wanderpakt

Für die bevorstehende Wanderung wurde gemeinsam ein Wanderpakt abgeschlossen. Die Regeln und Absprachen formulierten die Schüler eigenständig, indem sie benannten, was ihnen besonders wichtig in der Gemeinschaft ist. Das Gesagte wurde schriftlich festgehalten, und alle unterzeichneten den Wanderpakt. Auf diese Weise wurden erste wichtige (soziale) Regeln von den Schülern selbstbestimmt formuliert.

Rollenangebot: Kameramann und Reporter

Die Schüler hatten die Möglichkeit, als Kameramann und Reporter  abwechselnd die einzelnen Tagesetappen zu filmen. Die Aufzeichnungen sollten verbal begleitet werden, da die Menschen, die den Film später sehen (Eltern, Geschwister) nicht selbst vor Ort waren und daher auf Beschreibungen angewiesen sind. Die Schüler übernahmen sehr gerne die Rollen und die große Verantwortung für die wertvolle Kamera.

Verzicht auf Luxusgüter

Kinder und Lehrer spielen gemeinsam Brettspiele

Der Verzicht auf Luxus ist Teil des Projektes. Die Schüler verzichten für die Zeit des Wanderprojektes auf Fernsehen, Internet und Spielkonsole, die normalerweise in der Freizeitgestaltung der Projektteilnehmer einen hohen Stellenwert haben. Auch die relativ einfache Ausstattung der Hüttenlager, meist alte Bauernhäuser, fordern die Teilnehmer dazu heraus, nach einer langen anstrengenden Wanderung das Einfache schätzen zu lernen. Zu Beginn waren einzelne Schüler über das einfache Bauernhaus „Untervernatschhof“ erstaunt und äußerten ihre Unzufriedenheit über knarrende Türen, niedrige, zugige und hellhörige Zimmer.

Allerdings lernten die Schüler ihre nächste Unterkunft bereits nach der ersten Wanderung sehr zu schätzen. Sie machten die Erfahrung, dass nach einer anstrengenden Wanderung mit teils schmerzenden Füßen jede Hütte mit einer warmen Mahlzeit und einem sauberen warmen Bett zum Übernachten willkommen ist.

Wandern von Hütte zu Hütte

Die unterschiedlichen Unterkünfte, mit ihren unterschiedlichen Anforderungen und sozialen Regeln forderten die Teilnehmer heraus, fremdorientierte soziale Kompetenzen zu zeigen. Die Schüler mussten Rücksicht nehmen, indem sie die Nachtruhe einhielten, die Schuhe im Haus auszogen, die Toiletten sauber hielten, auf Körperhygiene achteten und im gemeinsamen Schlafraum Ordnung hielten.

Das gelang nicht immer, aber die Schüler mit dem Förderschwerpunkt in der emotionalen und sozialen Entwicklung überraschten die Projektleiter immer wieder durch ihr rücksichtvolles, prosoziales Verhalten in diesem veränderten Erfahrungskontext. Die Begegnung mit den Kindern der Hüttenbesitzer ermöglichte das Kennenlernen anderer Lebensweisen, die beeindruckten. Das gemeinsame Aufwachen mit Tieren wurde nicht mehr nur idealisiert betrachtet, sondern die Projektteilnehmer lernten auch die Anforderungen und Pflichten kennen, die ein solches Leben mit sich bringen.

Dazu gehört beispielsweise das frühe Aufstehen, das Füttern der Tiere, Melken der Kühe und Ausmisten des Stalls. Einzelne Schüler haben sich bewusst dazu entschieden, an diesen Arbeitsprozessen teilzunehmen, indem sie darum baten, morgens geweckt zu werden, um nach Absprache den Hofeigentümern bei ihrer Arbeit mit den Tieren zu helfen. Das förderte ihre Perspektivübernahmefähigkeit, da die Arbeit von den Schülern selbst erlebt werden konnte.

Gefährliche Situationen

Die Schüler überquerten in einer aufregenden Landschaft Schneefelder, Hängebrücken und Wasserfälle und unterstützten sich, wenn nötig, gegenseitig durch Stock- oder Händereichen, Anfeuern oder Mut zusprechen oder dem kettenartigen Weitersagen von Warnhinweisen an die Hinteren, wie „Vorsicht steil, steinig, rutschig“.

Pause

Während der teilweise sehr anstrengenden Wanderung - an Tag zwei waren es allein sieben Stunden - kooperierten die Teilnehmer durch kollektives Warten, das Teilen von Wasser oder Essen, das gegenseitige Auffüllen von Wasserflaschen an Quellen, die Abgabe ihres Wanderstockes und sogar durch das abwechselnde Tragen ganzer Rucksäcke erschöpfter Schüler. Es wurden untereinander Erfahrungen ausgetauscht und Tipps von Lehrern weitergegeben, die das Wandern selbst erleichtern sollten, vor allem beim Aufstieg.

Kreativität und fantasievolles Spiel

Die Schüler vertrieben sich in Pausen oder nach der Ankunft die Zeit produktiv mit dem Schnitzen und kreativen Verzieren ihres Wanderstockes. Die unbekannte, weitreichende, natürliche Umgebung eröffnete umfängliche Gelegenheiten für altersangemessenes Spiel und förderte das Wohlbefinden der Schüler in der sozialen Beziehung. Darüber hinaus weckte die unbekannte Gegend, mit den Höfen, Ställen und den alten Geräten die Fantasie der Schüler und führte zu herrlichen Spielen. Da die Wanderzeiten variierten, war es durchaus möglich, dass die Gruppe früher ankam als erwartet und sich vor Ort bis zum Abendessen austoben konnte.

Verantwortung übernehmen

Wandern durch steiniges Gebiet

Die Schüler konnten durch die gewonnene Sicherheit aus dem morgendlichen Briefing und dem geschenkten Vertrauen mehr Verantwortung für sich und andere auf der jeweiligen Etappe übernehmen. Sei es in der Funktion als Kartenleser oder als Motivator. Schüler mit einem höheren Tempo genossen das Vertrauen, das ihnen geschenkt wurde, indem sie etwas vorgehen durften und enttäuschten die Projektleiter nicht. Sie erhielten die Aufgabe, soziale Initiative zu ergreifen und nach ihrer Ankunft herauszufinden, wo sich unsere Schlaflager befanden, um den Rest der Gruppe später in die unbekannte Hütte einzuweisen.

Über Geröllbrocken klettern

Es herrschte Konsens darüber, dass das Ziel die Hütte sei, egal mit welcher Geschwindigkeit sie erreicht wird. Umso schwerer die Etappe, desto eher wurden die letzten Einkehrer mit Jubel empfangen. Zudem hielt die Berner Sennenhündin Maya, eine Hütehündin, unter großer Anstrengung die Gruppe weitestgehend zusammen.

Transfer / Nachhaltigkeit

Gruppenfoto im Grünen

Das Anknüpfen an die Erfahrungen aus dem Wanderprojekt im Schulalltag erfolgte zunächst durch das Zeigen ausgewählter Filmausschnitte des Wanderprojektes am letzten Schultag. Zusammen mit dem Zeugnis erhielt jeder Projektteilnehmer auch ein Exemplar der DVD. Den Projektteilnehmern können ihre vielfältigen positiven Beziehungserfahrungen aus dem Wanderprojekt nicht mehr genommen werden. Die DVD soll dabei helfen, sich auch langfristig daran zu erinnern.

Nach den Sommerferien ist ein Abschlusstreffen mit den Eltern geplant.

Weiterhin müssen die Schüler pädagogisch dabei begleitet werden, ihre positiven Erfahrungen auch in den Alltag zu integrieren, um Nachhaltigkeit zu erzeugen. Dazu gehört das gemeinsame Herausfinden von Zielen und das konstruktive Finden von Lösungen, das Thematisieren von Ängsten und Zukunftsvorstellungen sowie das gemeinsame Erinnern an die gemachten positiven Erfahrungen.

 

Daniela Brönner, Stellvertretende  Leiterin des AWO-Förderzentrums Lotte Lemke  in Braunschweig

Katharina Bar, Förderschullehrerin im AWO-Förderzentrum Lotte Lemke

 

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